Weihnachten!
Wir sind drei, aber eigentlich sind wir vier. Du fehlst, Schwester, und Dein Fehlen füllt den Raum.
In jeder Familie gibt es Dinge, über die nicht geredet wird. In jeder Familie gibt es Dinge, über die immer wieder und nahezu endlos geredet wird, ohne je zu einem Ergebnis zu kommen. Wir reden über Dich, Schwester. Meine Mutter zählt all die Gelegenheiten auf, an denen Du sie enttäuscht hast, mein Vater nickt und ich weiß nicht, zu wem ich halten soll, zu ihnen oder zu Dir, und vergesse darüber einmal mehr, wo eigentlich mein eigener Standpunkt ist.
Wieviel Macht Du hast, Schwester, obwohl oder gerade weil Dir alles egal ist. Selbst auf das Verhältnis zwischen unseren Eltern und mir hast Du Einfluß: manchmal scheren sie uns beide über einen Kamm und ich muß mir die Kritik anhören, die eigentlich für Dich bestimmt ist.
Diesmal bist nur Du das schwarze Schaf, und ich leuchte hell im Vergleich. Auch irgendwie unbefriedigend.
Ich habe von Dir gelernt, Schwester. Mir sind zunehmend Dinge egal, ich bin dem Zirkus müde. In diesem Jahr bist Du deutlich gelassener geworden, sagt Ruth. So könnte man es auch formulieren.
Die drei Kritikpunkte, die unsere Eltern sonst für mich reserviert haben, heißen: zu dick, berufliche Stagnation, Partnerlosigkeit. Also habe ich mir drei Sätze zurechtgelegt, um der Kritik zu begegnen. Ich mag mich, wie ich bin, vielleicht könnte dir das auch gelingen, war einer davon. Bei Konversationen über meinen Beruf spielte ich einen Seemann auf einer langen Schiffsreise, der nicht weiß, wann, aber doch sicher, daß er sein Ziel erreicht. Unsere Mutter hat schon mal Schmuck testamentarisch verteilt. Der Armreif paßt mir nicht, sagte ich, aber ich würde ihn gerne behalten, um ihn weiterzuvererben.
Und so hatten wir ein harmonisches, freudvolles Weihnachten ohne Dich und ohne verbales Einprügeln auf mich. Vielleicht spiegeln mir unsere Eltern nur die Kritik, die ich an mir selbst übe, und meinen es nur gut.
Unser Vater ist alt geworden, Schwester, und wenn ich Dir einen Rat geben kann... ich jedenfalls habe Zeit mit ihm verbracht - bewußt, spannend, genußvoll.
Seit einigen Jahren haben unsere Eltern und ich ein kleines Ritual: wir sitzen an einem der Weihnachtsfeiertage in einem Restaurant und kommen in unserem Gespräch an einen Punkt, der mich zum heulen bringt. Normalerweise handelt es sich dabei um Kritik an mir, aber wie gesagt, 2007 ist das Jahr, in dem ich mich nicht mehr so ernst nehme, in dem mir mehr Dinge egal sind, also wars dieses Jahr was anderes, daß mich zum heulen gebracht hat.
In jeder Familie gibt es Dinge, über die nicht geredet wird. In unserer Familie ist das eine Geschichte, die man in sehr wenigen oder in sehr vielen Sätzen erzählen könnte und die die meisten Menschen wahrscheinlich nicht nachvollziehen können... ich machs jetzt mal kurz: wir hatten ein Pferd, dessen Mutter kurz nach seiner Geburt gestorben war und das wir mit der Flasche aufgezogen haben. Als das Pferd vier war, als ich siebzehn war und Du, Schwester, vierundzwanzig, hat sich das Pferd in Deinem und in meinem Beisein das Genick gebrochen.
Jedenfalls, unsere Eltern und ich sitzen da in der Gaststätte Krone, das Essen ist gerade gekommen und ich löffle Spätzle auf meinen Teller, da sagt unsere Mutter plötzlich, daß ihr nach all den Jahren die Sache mit I., dem Pferd, doch immer noch nahe geht, daß sie manchmal nachts im Bett liegt und es brennt in ihr.
Und ich bin völlig perplex, weil wir darüber sonst wirklich nicht reden, und meine Nase wird rot und ich habe Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Ich mag nicht in der Öffentlichkeit heulen.
Jedenfalls führt unsere Mutter in allen qualvollen Details, die ich echt erfolgreich verdrängt habe, aus, wie das damals war, und einer ihrer Halbsätze lautete, daß Du, Schwester, an jedem Nachmittag entgegen alle Abmachungen gehandelt hättest.
Ich habe zu viel vergessen von diesen Nachmittag, und letztendlich war es ganz einfach ein Unglücksfall, aber manchmal denke ich, daß nicht nur der Wirbel gebrochen ist, der dieses Pferd im Leben gehalten hat, sondern auch etwas zwischen Dir und mir und Dir und uns dreien.
Und natürlich etwas in mir, weil ich verloren habe, was ich geliebt habe - wohl zum ersten, sicher nicht zum letzten Mal in meinem Leben. Ich will mich nicht beklagen, ich weiß, das geht allen so, das Leben ist eben ein dynamischer Prozeß. Loslassen nennen das die Psychologen und Esoteriker, dabei wird eigentlich etwas aus einem herausgerissen. Ich beneide Dich, Schwester, weil die Sensibilität nicht gleichmäßig zwischen uns verteilt wurde: Du hast eine dicke Haut, ich eine dünne. Du hast es besser.
In jeder Familie gibt es Dinge, über die nicht geredet wird. In jeder Familie gibt es Dinge, über die immer wieder und nahezu endlos geredet wird, ohne je zu einem Ergebnis zu kommen. Wir reden über Dich, Schwester. Meine Mutter zählt all die Gelegenheiten auf, an denen Du sie enttäuscht hast, mein Vater nickt und ich weiß nicht, zu wem ich halten soll, zu ihnen oder zu Dir, und vergesse darüber einmal mehr, wo eigentlich mein eigener Standpunkt ist.
Wieviel Macht Du hast, Schwester, obwohl oder gerade weil Dir alles egal ist. Selbst auf das Verhältnis zwischen unseren Eltern und mir hast Du Einfluß: manchmal scheren sie uns beide über einen Kamm und ich muß mir die Kritik anhören, die eigentlich für Dich bestimmt ist.
Diesmal bist nur Du das schwarze Schaf, und ich leuchte hell im Vergleich. Auch irgendwie unbefriedigend.
Ich habe von Dir gelernt, Schwester. Mir sind zunehmend Dinge egal, ich bin dem Zirkus müde. In diesem Jahr bist Du deutlich gelassener geworden, sagt Ruth. So könnte man es auch formulieren.
Die drei Kritikpunkte, die unsere Eltern sonst für mich reserviert haben, heißen: zu dick, berufliche Stagnation, Partnerlosigkeit. Also habe ich mir drei Sätze zurechtgelegt, um der Kritik zu begegnen. Ich mag mich, wie ich bin, vielleicht könnte dir das auch gelingen, war einer davon. Bei Konversationen über meinen Beruf spielte ich einen Seemann auf einer langen Schiffsreise, der nicht weiß, wann, aber doch sicher, daß er sein Ziel erreicht. Unsere Mutter hat schon mal Schmuck testamentarisch verteilt. Der Armreif paßt mir nicht, sagte ich, aber ich würde ihn gerne behalten, um ihn weiterzuvererben.
Und so hatten wir ein harmonisches, freudvolles Weihnachten ohne Dich und ohne verbales Einprügeln auf mich. Vielleicht spiegeln mir unsere Eltern nur die Kritik, die ich an mir selbst übe, und meinen es nur gut.
Unser Vater ist alt geworden, Schwester, und wenn ich Dir einen Rat geben kann... ich jedenfalls habe Zeit mit ihm verbracht - bewußt, spannend, genußvoll.
Seit einigen Jahren haben unsere Eltern und ich ein kleines Ritual: wir sitzen an einem der Weihnachtsfeiertage in einem Restaurant und kommen in unserem Gespräch an einen Punkt, der mich zum heulen bringt. Normalerweise handelt es sich dabei um Kritik an mir, aber wie gesagt, 2007 ist das Jahr, in dem ich mich nicht mehr so ernst nehme, in dem mir mehr Dinge egal sind, also wars dieses Jahr was anderes, daß mich zum heulen gebracht hat.
In jeder Familie gibt es Dinge, über die nicht geredet wird. In unserer Familie ist das eine Geschichte, die man in sehr wenigen oder in sehr vielen Sätzen erzählen könnte und die die meisten Menschen wahrscheinlich nicht nachvollziehen können... ich machs jetzt mal kurz: wir hatten ein Pferd, dessen Mutter kurz nach seiner Geburt gestorben war und das wir mit der Flasche aufgezogen haben. Als das Pferd vier war, als ich siebzehn war und Du, Schwester, vierundzwanzig, hat sich das Pferd in Deinem und in meinem Beisein das Genick gebrochen.
Jedenfalls, unsere Eltern und ich sitzen da in der Gaststätte Krone, das Essen ist gerade gekommen und ich löffle Spätzle auf meinen Teller, da sagt unsere Mutter plötzlich, daß ihr nach all den Jahren die Sache mit I., dem Pferd, doch immer noch nahe geht, daß sie manchmal nachts im Bett liegt und es brennt in ihr.
Und ich bin völlig perplex, weil wir darüber sonst wirklich nicht reden, und meine Nase wird rot und ich habe Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Ich mag nicht in der Öffentlichkeit heulen.
Jedenfalls führt unsere Mutter in allen qualvollen Details, die ich echt erfolgreich verdrängt habe, aus, wie das damals war, und einer ihrer Halbsätze lautete, daß Du, Schwester, an jedem Nachmittag entgegen alle Abmachungen gehandelt hättest.
Ich habe zu viel vergessen von diesen Nachmittag, und letztendlich war es ganz einfach ein Unglücksfall, aber manchmal denke ich, daß nicht nur der Wirbel gebrochen ist, der dieses Pferd im Leben gehalten hat, sondern auch etwas zwischen Dir und mir und Dir und uns dreien.
Und natürlich etwas in mir, weil ich verloren habe, was ich geliebt habe - wohl zum ersten, sicher nicht zum letzten Mal in meinem Leben. Ich will mich nicht beklagen, ich weiß, das geht allen so, das Leben ist eben ein dynamischer Prozeß. Loslassen nennen das die Psychologen und Esoteriker, dabei wird eigentlich etwas aus einem herausgerissen. Ich beneide Dich, Schwester, weil die Sensibilität nicht gleichmäßig zwischen uns verteilt wurde: Du hast eine dicke Haut, ich eine dünne. Du hast es besser.
fragmente - am 2008-01-01 16:41 - Rubrik: Weihnachten!
- ich mußte kotzen. Acht Mal.
- Großteil der Woche lag ich malad und mit saurem Reflux im Bett.
- ich habe mir schon mal ein paar Gedanken über Weihnachten gemacht!
- will ich dieses Jahr mal eine Nordmanntanne? Die klassische Rotfichte, die ich eigentlich bevorzuge, nadelt echt heftig.
- ich finde heute noch Tannennadeln von dem Weihnachtsbaum von 2005 unter meinem Schreibtisch.
- wie jedes Jahr keimt auch dieses Jahr in mir der Wunsch, Weihnachten mal nicht bei meinen Eltern zu verbringen.
- im Weblog nachgeschaut: die letzten drei Weihnachten mit meiner Familie waren eine Qual.
- im Weblog steht leider auch eine sehr gute Begründung, warum ich mich dafür entschieden habe, Weihnachten mit meinen Eltern zu verbringen.
- dennoch gönne ich mir den Luxus der Illusion, dieses Weihnachten vielleicht mit Ruth zu verbringen.
- dieses Jahr habe ich viele gute Ideen, was ich verschenken werde.
- ich freu' mich schon.
- Großteil der Woche lag ich malad und mit saurem Reflux im Bett.
- ich habe mir schon mal ein paar Gedanken über Weihnachten gemacht!
- will ich dieses Jahr mal eine Nordmanntanne? Die klassische Rotfichte, die ich eigentlich bevorzuge, nadelt echt heftig.
- ich finde heute noch Tannennadeln von dem Weihnachtsbaum von 2005 unter meinem Schreibtisch.
- wie jedes Jahr keimt auch dieses Jahr in mir der Wunsch, Weihnachten mal nicht bei meinen Eltern zu verbringen.
- im Weblog nachgeschaut: die letzten drei Weihnachten mit meiner Familie waren eine Qual.
- im Weblog steht leider auch eine sehr gute Begründung, warum ich mich dafür entschieden habe, Weihnachten mit meinen Eltern zu verbringen.
- dennoch gönne ich mir den Luxus der Illusion, dieses Weihnachten vielleicht mit Ruth zu verbringen.
- dieses Jahr habe ich viele gute Ideen, was ich verschenken werde.
- ich freu' mich schon.
fragmente - am 2007-09-23 14:35 - Rubrik: Weihnachten!
2004 hab ich geheult. 2005 wäre ich Heiligabend fast wieder abgereist.
Im Jahr 2006 habe ich viel nachgedacht. Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es mir in meinem Selbstverständnis als Tochter wichtig ist, Weihnachten mit meinen Eltern zu verbringen. Gleichzeitig ist mir klar, daß sie und ich ein sehr unterschiedliches Verständnis von Weihnachten haben (ich bin hierbei die traditionellere). Weihnachten bei meinen Eltern wird für mich nie schön sein, damit habe ich mich abgefunden.
Insofern gab es eigentlich einen guten Start ins Weihnachtsfest 2006: ich hatte den Vorsatz, mit allem einverstanden zu sein, keine Erwartungen zu haben und auch mal zurückzustecken. Lektionen in Demut nannte einmal ein Künstler, den ich musikalisch allerdings eher nicht so schätze, sein Album. In der Praxis ist Demut schwieriger als in der Theorie.
Als ich zehn war und von den Freuden der Sexualität noch nichts wußte, wollte ich Nonne werden. Manchmal denke ich, mein Wunsch wurde erhört. Ich lebe so gut wie zölibatär, arbeite für kaum mehr als einen Gotteslohn und kann im Hause meiner Eltern üben, wie denn das Klosterleben so wäre. Meine Mutter kocht auch so ungefähr. An Heiligabend gab es Raclette. Aber ohne Kartoffeln (zu viele Kalorien?). Mal ganz ehrlich: mir schmeckt das Essen meiner Mutter nicht. Ein freundliches Gesicht zu machen, während ich innerlich der Weihnachtsgans nachtrauerte, die es im Hause meiner Eltern sowieso nie geben wird, das war eine harte Lektion.
Die wahre Schwierigkeit besteht - vielleicht vor allem für mich als Alleinlebende - darin, sich einzufügen in einen Tagesablauf, den man nicht selbst bestimmen kann. Klar könnte ich sagen: hört zu, jetzt will ich mal zwei Stunden fernsehen. Höflich wäre es nicht. Am Vierundzwanzigsten ist meine Mutter ohnehin zum Zerreissen gespannt, aufgeblasen wie ein Luftballon: ein falsches Wort, und es gibt eine Explosion. Also kein falsches Wort. Ich verzichte aufs fernsehen und auch aufs lesen, halte mich stattdessen an Bedienungsanleitungen und installiere für meine Eltern Kamerasoftware, einen Internetzugang und ein Navigationsgerät. Abends singt mein Vater in der Mitternachtsmesse. Die Musik ist schön, aber die Predigt kann ich nur aushalten, indem ich langsam von 100 rückwärts runterzähle.
Unter den Christbaum hat mein Vater seiner fetten Tochter eine Jahresmitgliedschaft für einen Fitnessclub gelegt. Ich heule nicht, ich laufe nicht davon, das ist schon mal ein Fortschritt. Später frage ich Ruth am Telefon, wieso mir das so weh getan hat. Weil Kinder wollen, daß ihre Eltern sie ohne Einschränkung lieben meint Ruth. Unconditional love.
Ich weiß nicht, ob das die Antwort ist. Jedenfalls habe ich es überstanden, und rückblickend verblassen die Schmerzen und Mühen. Wenn ich mir einen Ratschlag geben würden, dann den: stell dich nicht so an.
Im Jahr 2006 habe ich viel nachgedacht. Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es mir in meinem Selbstverständnis als Tochter wichtig ist, Weihnachten mit meinen Eltern zu verbringen. Gleichzeitig ist mir klar, daß sie und ich ein sehr unterschiedliches Verständnis von Weihnachten haben (ich bin hierbei die traditionellere). Weihnachten bei meinen Eltern wird für mich nie schön sein, damit habe ich mich abgefunden.
Insofern gab es eigentlich einen guten Start ins Weihnachtsfest 2006: ich hatte den Vorsatz, mit allem einverstanden zu sein, keine Erwartungen zu haben und auch mal zurückzustecken. Lektionen in Demut nannte einmal ein Künstler, den ich musikalisch allerdings eher nicht so schätze, sein Album. In der Praxis ist Demut schwieriger als in der Theorie.
Als ich zehn war und von den Freuden der Sexualität noch nichts wußte, wollte ich Nonne werden. Manchmal denke ich, mein Wunsch wurde erhört. Ich lebe so gut wie zölibatär, arbeite für kaum mehr als einen Gotteslohn und kann im Hause meiner Eltern üben, wie denn das Klosterleben so wäre. Meine Mutter kocht auch so ungefähr. An Heiligabend gab es Raclette. Aber ohne Kartoffeln (zu viele Kalorien?). Mal ganz ehrlich: mir schmeckt das Essen meiner Mutter nicht. Ein freundliches Gesicht zu machen, während ich innerlich der Weihnachtsgans nachtrauerte, die es im Hause meiner Eltern sowieso nie geben wird, das war eine harte Lektion.
Die wahre Schwierigkeit besteht - vielleicht vor allem für mich als Alleinlebende - darin, sich einzufügen in einen Tagesablauf, den man nicht selbst bestimmen kann. Klar könnte ich sagen: hört zu, jetzt will ich mal zwei Stunden fernsehen. Höflich wäre es nicht. Am Vierundzwanzigsten ist meine Mutter ohnehin zum Zerreissen gespannt, aufgeblasen wie ein Luftballon: ein falsches Wort, und es gibt eine Explosion. Also kein falsches Wort. Ich verzichte aufs fernsehen und auch aufs lesen, halte mich stattdessen an Bedienungsanleitungen und installiere für meine Eltern Kamerasoftware, einen Internetzugang und ein Navigationsgerät. Abends singt mein Vater in der Mitternachtsmesse. Die Musik ist schön, aber die Predigt kann ich nur aushalten, indem ich langsam von 100 rückwärts runterzähle.
Unter den Christbaum hat mein Vater seiner fetten Tochter eine Jahresmitgliedschaft für einen Fitnessclub gelegt. Ich heule nicht, ich laufe nicht davon, das ist schon mal ein Fortschritt. Später frage ich Ruth am Telefon, wieso mir das so weh getan hat. Weil Kinder wollen, daß ihre Eltern sie ohne Einschränkung lieben meint Ruth. Unconditional love.
Ich weiß nicht, ob das die Antwort ist. Jedenfalls habe ich es überstanden, und rückblickend verblassen die Schmerzen und Mühen. Wenn ich mir einen Ratschlag geben würden, dann den: stell dich nicht so an.
fragmente - am 2006-12-30 17:06 - Rubrik: Weihnachten!
(bezugnehmend auf diesen Text und sich radikal über den Wunsch des Autors, dies sei kein Stöckchen, hinwegsetzend.)
Das Weihnachtsproblem ist ein großes (1 / 2). Ich verbringe dieses Weihnachten bei meinen Eltern. Von einem Weihnachtsfest, so wie ich es schön finde, habe ich Abschied genommen. Ich könnte zwar allein zuhause bleiben und es mir schön machen, aber das kann ich auch, wenn meine Eltern tot sind. So halte ich den Streit aus, schlucke das makrobiotische Essen und bin eine gute Tochter. Auch wenn es niemand sieht außer mir.
Das Silvesterproblem ist etwas kleiner. Letztes Jahr war ich allein zuhause und vor Mitternacht im Bett. Dieses Jahr besucht mich möglicherweise meine Freundin Ruth (auch alleinstehend). Man muß sich ohnehin mehr mit alleinstehenden Freundinnen zusammentun, denke ich mir.
Morgen abend gebe ich Nachhilfe. Letzte Nacht hatte ich einen Traum, in der mir mein Nachhilfeschüler mitteilte, daß er sich für mich entschieden hätte und mit mir zusammen sein wolle. Ich war dann etwas zögerlich. Ob er nur ein fieses Spiel mit mir spielt? Ob seine Mutter das erlaubt? Ob ich ihm dann weiter Nachhilfe geben kann? Ob er über mein Übergewicht hinwegsehen kann? Wir haben schließlich alle Schwierigkeiten überwunden und am Ende hollywoodmäßig geknutscht. Als ich aufgewacht bin, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Aber dann dachte ich, daß mein Nachhilfeschüler im Traum nur ein Sinnbild war. Für meine Wünsche, meine Sehnsüchte, die sich im Grunde genommen gar nicht auf ihn persönlich beziehen. Vielleicht stand mein geträumter Nachhilfeschüler stellvertretend für einen Teil meiner Selbst, und im Traum ging es um das Bestreben, mich selbst ein wenig mehr zu mögen.
Dementsprechend habe ich - sagen wir mal - bewegt geschlafen und mein Start in den Tag war eher suboptimal. Daß mich jemand fragt, wie ich geschlafen habe, gehört zu den Dingen, die mir fehlen.
Dafür hört mir jemand zu. Kollegen, Freunde. Mit Schultern sieht es spärlicher aus. Es gibt da eine Kollegin, mit der ich mich gut verstehe. In letzter Zeit fällt mir auf, daß sie mir ausweicht, wenn ich versuche, sie anzustupsen oder ihr über den Oberarm zu streichen. Ich muß das wohl zu oft gemacht haben. Es ist mir sehr peinlich. Manchmal sind die Zeitspannen ohne Berührung sehr lang. Deshalb gebe ich Vertretern gerne die Hand. Am Freitag hat mich ein schwuler Freund zum Abschied umarmt. Das war super.
Ich tanze nicht. Ich tanze nur, wenn mich niemand sieht. Ich habe mal per CD-Swop einen Mix von Sexyjazz bekommen mit einer Menge Soul- und Funkklassikern. Das bringt mich schon in Schwingung.
Das Urlaubsproblem ist größenordnungmäßig zwischen dem Weihnachtsproblem (größer, weil bedeutender) und dem Silversterproblem (kleiner, weil kürzer) einzuordnen. Das Urlaubsproblem bedeutet vor allem: Einzelzimmer sind teurer, allein im Restaurant essen ist doof, und was denken die anderen von mir. Dafür kann man tun, wonach einem ist. Und vielleicht ist alles nur eine Übungssache. Mein Englandurlaub in einer schrulligen kleinen Pension war wirklich schön, und der Urlaub an der Ostsee in einer Ferienwohnung war auch okay.
Der Platz neben mir ist frei. Die Wohnung ist billig, dafür wohnt man dann in einem Haus mir lauter Alkoholikern, schlechter Heizung und vorbeibrausenden ICEs.
Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich das alleine schaffe. Letzte Woche habe ich ein Regal gekauft und bin fast gestorben, als ich es in den vierten Stock getragen habe (23 kg). Was ist, wenn ich einen Bandscheibenvorfall habe? Gar nicht so unwahrscheinlich. Anke Gröner hatte einen. Vor Kranksein habe ich Angst. Organisieren ist ja okay, so wie man im Alltag immer organisieren muß, wenn größeres ansteht: Freunde rekrutieren, überlegen, ob man ihnen das zumuten kann. Gegebenenfalls jemand engagieren und bezahlten. Aber krank sein, schwach sein, keine Kraft haben, die Dinge zu regeln... Als ich die Verletzung am Bein hatte, saß ich einmal nach dem Arztbesuch im Auto und habe geweint. Aus Verzweiflung. Weil ich nicht mehr konnte. Weil ich nicht mehr weiter wußte. Weil auch die Eltern, fünfhundert Kilometer weit weg, keine Hilfe waren. Weil ich mich mit meiner Mutter am Telefon so gestritten habe, daß ich einfach augelegt habe. Was will man machen. Ich habe es ausgehalten und bin wieder gesund geworden. Es ist ein Mangel an Alternativen. Alleine bleiben, so wie immer. Wenns schlimmer wird, ins Krankenhaus gehen, sich von den Eltern pflegen lassen. Freunde bitten, für einen einkaufen zu gehen. Auf bessere Tage hoffen.
Ich hatte noch nie Sex zu dritt, ich bin froh, wenn es für zwei reicht. Am Bahnhof bin ich manchmal neidisch auf die, die abgeholt werden, Blumen bekommen, sich küssen wie zwei, die gerade einer Katastrophe entronnen sind.
Meine letzte Verabredung hatte ich im Juni. Mein Traummann hat kein bestimmtes Aussehen. Generell mag ich Anzüge und ältere Männer. Manchmal schaut man mir auf die Titten. Das amüsiert mich.
Das mit den Enkelkindern bedrückt mich. Meine Schwester ist kinderlos, hat gerade ihren Mann verlassen und eine Beziehung zu einer Frau angefangen. Somit bleiben die Enkelkinder (oder das Enkelkind) an mir hängen. Ich habe diese Wunschvorstellung von meinem Vater, der mein Kind - einen winzigen, erst ein paar Tage alten Säugling - in den Armen hält. Davon hätte ich gerne ein Foto.
Aber vielleicht wird es kein Kind geben, und die Linie endet mit mir.
Ein wenig Zeit habe ich noch.
Das Weihnachtsproblem ist ein großes (1 / 2). Ich verbringe dieses Weihnachten bei meinen Eltern. Von einem Weihnachtsfest, so wie ich es schön finde, habe ich Abschied genommen. Ich könnte zwar allein zuhause bleiben und es mir schön machen, aber das kann ich auch, wenn meine Eltern tot sind. So halte ich den Streit aus, schlucke das makrobiotische Essen und bin eine gute Tochter. Auch wenn es niemand sieht außer mir.
Das Silvesterproblem ist etwas kleiner. Letztes Jahr war ich allein zuhause und vor Mitternacht im Bett. Dieses Jahr besucht mich möglicherweise meine Freundin Ruth (auch alleinstehend). Man muß sich ohnehin mehr mit alleinstehenden Freundinnen zusammentun, denke ich mir.
Morgen abend gebe ich Nachhilfe. Letzte Nacht hatte ich einen Traum, in der mir mein Nachhilfeschüler mitteilte, daß er sich für mich entschieden hätte und mit mir zusammen sein wolle. Ich war dann etwas zögerlich. Ob er nur ein fieses Spiel mit mir spielt? Ob seine Mutter das erlaubt? Ob ich ihm dann weiter Nachhilfe geben kann? Ob er über mein Übergewicht hinwegsehen kann? Wir haben schließlich alle Schwierigkeiten überwunden und am Ende hollywoodmäßig geknutscht. Als ich aufgewacht bin, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Aber dann dachte ich, daß mein Nachhilfeschüler im Traum nur ein Sinnbild war. Für meine Wünsche, meine Sehnsüchte, die sich im Grunde genommen gar nicht auf ihn persönlich beziehen. Vielleicht stand mein geträumter Nachhilfeschüler stellvertretend für einen Teil meiner Selbst, und im Traum ging es um das Bestreben, mich selbst ein wenig mehr zu mögen.
Dementsprechend habe ich - sagen wir mal - bewegt geschlafen und mein Start in den Tag war eher suboptimal. Daß mich jemand fragt, wie ich geschlafen habe, gehört zu den Dingen, die mir fehlen.
Dafür hört mir jemand zu. Kollegen, Freunde. Mit Schultern sieht es spärlicher aus. Es gibt da eine Kollegin, mit der ich mich gut verstehe. In letzter Zeit fällt mir auf, daß sie mir ausweicht, wenn ich versuche, sie anzustupsen oder ihr über den Oberarm zu streichen. Ich muß das wohl zu oft gemacht haben. Es ist mir sehr peinlich. Manchmal sind die Zeitspannen ohne Berührung sehr lang. Deshalb gebe ich Vertretern gerne die Hand. Am Freitag hat mich ein schwuler Freund zum Abschied umarmt. Das war super.
Ich tanze nicht. Ich tanze nur, wenn mich niemand sieht. Ich habe mal per CD-Swop einen Mix von Sexyjazz bekommen mit einer Menge Soul- und Funkklassikern. Das bringt mich schon in Schwingung.
Das Urlaubsproblem ist größenordnungmäßig zwischen dem Weihnachtsproblem (größer, weil bedeutender) und dem Silversterproblem (kleiner, weil kürzer) einzuordnen. Das Urlaubsproblem bedeutet vor allem: Einzelzimmer sind teurer, allein im Restaurant essen ist doof, und was denken die anderen von mir. Dafür kann man tun, wonach einem ist. Und vielleicht ist alles nur eine Übungssache. Mein Englandurlaub in einer schrulligen kleinen Pension war wirklich schön, und der Urlaub an der Ostsee in einer Ferienwohnung war auch okay.
Der Platz neben mir ist frei. Die Wohnung ist billig, dafür wohnt man dann in einem Haus mir lauter Alkoholikern, schlechter Heizung und vorbeibrausenden ICEs.
Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich das alleine schaffe. Letzte Woche habe ich ein Regal gekauft und bin fast gestorben, als ich es in den vierten Stock getragen habe (23 kg). Was ist, wenn ich einen Bandscheibenvorfall habe? Gar nicht so unwahrscheinlich. Anke Gröner hatte einen. Vor Kranksein habe ich Angst. Organisieren ist ja okay, so wie man im Alltag immer organisieren muß, wenn größeres ansteht: Freunde rekrutieren, überlegen, ob man ihnen das zumuten kann. Gegebenenfalls jemand engagieren und bezahlten. Aber krank sein, schwach sein, keine Kraft haben, die Dinge zu regeln... Als ich die Verletzung am Bein hatte, saß ich einmal nach dem Arztbesuch im Auto und habe geweint. Aus Verzweiflung. Weil ich nicht mehr konnte. Weil ich nicht mehr weiter wußte. Weil auch die Eltern, fünfhundert Kilometer weit weg, keine Hilfe waren. Weil ich mich mit meiner Mutter am Telefon so gestritten habe, daß ich einfach augelegt habe. Was will man machen. Ich habe es ausgehalten und bin wieder gesund geworden. Es ist ein Mangel an Alternativen. Alleine bleiben, so wie immer. Wenns schlimmer wird, ins Krankenhaus gehen, sich von den Eltern pflegen lassen. Freunde bitten, für einen einkaufen zu gehen. Auf bessere Tage hoffen.
Ich hatte noch nie Sex zu dritt, ich bin froh, wenn es für zwei reicht. Am Bahnhof bin ich manchmal neidisch auf die, die abgeholt werden, Blumen bekommen, sich küssen wie zwei, die gerade einer Katastrophe entronnen sind.
Meine letzte Verabredung hatte ich im Juni. Mein Traummann hat kein bestimmtes Aussehen. Generell mag ich Anzüge und ältere Männer. Manchmal schaut man mir auf die Titten. Das amüsiert mich.
Das mit den Enkelkindern bedrückt mich. Meine Schwester ist kinderlos, hat gerade ihren Mann verlassen und eine Beziehung zu einer Frau angefangen. Somit bleiben die Enkelkinder (oder das Enkelkind) an mir hängen. Ich habe diese Wunschvorstellung von meinem Vater, der mein Kind - einen winzigen, erst ein paar Tage alten Säugling - in den Armen hält. Davon hätte ich gerne ein Foto.
Aber vielleicht wird es kein Kind geben, und die Linie endet mit mir.
Ein wenig Zeit habe ich noch.
fragmente - am 2006-11-28 17:26 - Rubrik: Weihnachten!
Gestern schlapp gefühlt, früh ins Bett, und aus Alpträumen aufgewacht: Halsschmerzen, beginnende Seitenstrang-Angina.
Ich lese am Samstag, egal wie es mir geht, notfalls stelle ich die Texte pantomimisch dar.
+++
So'n bisschen Schiß vor der Lesung habe ich ja schon. (Meinem Unterbewußtsein werden aber auch so miese Tricks wie jetzt mit 'ner Seitenstrangangina anzukommen, nichts helfen. Ich lese.)
Wie immer nehme ich alles sehr wichtig und sehr ernst, das kann ich nunmal nicht ändern. Persönlichkeit. Es würde mich also treffen, wenn die Lesung in die Hose geht, und ich mache mir ein wenig Sorgen, weil ich nicht weiß, ob McWinkel und ich das gleiche Zielpublikum haben.
Andererseits bin ich von den drei Texten, die ich lesen werde, überzeugt. Das sind gute Texte, gute Geschichten.
+++
Die Zeit ist ein wenig knapp. Mein Nachbar Ali hat mal wieder für eine Geschichte gesorgt. Außerdem gibt es jetzt schon Familienstreß wegen Weihnachten. Dabei war das doch gerade eben erst.
+++
Sie wollen mal wieder was gutes lesen?
Ein Schildkrötenleben. [via Frau Klugscheisser.]
Ich lese am Samstag, egal wie es mir geht, notfalls stelle ich die Texte pantomimisch dar.
+++
So'n bisschen Schiß vor der Lesung habe ich ja schon. (Meinem Unterbewußtsein werden aber auch so miese Tricks wie jetzt mit 'ner Seitenstrangangina anzukommen, nichts helfen. Ich lese.)
Wie immer nehme ich alles sehr wichtig und sehr ernst, das kann ich nunmal nicht ändern. Persönlichkeit. Es würde mich also treffen, wenn die Lesung in die Hose geht, und ich mache mir ein wenig Sorgen, weil ich nicht weiß, ob McWinkel und ich das gleiche Zielpublikum haben.
Andererseits bin ich von den drei Texten, die ich lesen werde, überzeugt. Das sind gute Texte, gute Geschichten.
+++
Die Zeit ist ein wenig knapp. Mein Nachbar Ali hat mal wieder für eine Geschichte gesorgt. Außerdem gibt es jetzt schon Familienstreß wegen Weihnachten. Dabei war das doch gerade eben erst.
+++
Sie wollen mal wieder was gutes lesen?
Ein Schildkrötenleben. [via Frau Klugscheisser.]
fragmente - am 2006-10-26 11:33 - Rubrik: Weihnachten!
Ruth ruft an. Wir haben uns mehr als ein Jahr nicht gesprochen. Doch unser Band war nie völlig durchtrennt: eine SMS zum Geburtstag, eine Karte zu Weihnachten. Ich denke an sie, sie denkt an mich.
Wir erzählen uns ein Jahr in einer Stunde und finden schnell, was uns verbindet. She's got an elegant mind. Ich liebe das an ihr.
Nach dem Schmuddelblogger fragt sie: damals Anlaß, aber nicht Grund für unsere Differenzen. Der Schmuddelblogger, Randnotiz in meinem Leben, Ruth aber, immer ein Teil davon. Und natürlich hatte sie recht, aber trotzdem mußte ich tun, was ich tun mußte. Alle Fehler sind notwenige Schritte auf dem Weg zu etwas richtigem.
Ich lege auf und bin ganz aufgekratzt, stöbere in alten Ordnern, in Erinnerungen. Ich gehe viel zu spät ins Bett und träume, ich könnte fliegen, lasse mich schwerelos von Luftströmungen tragen.
Wir erzählen uns ein Jahr in einer Stunde und finden schnell, was uns verbindet. She's got an elegant mind. Ich liebe das an ihr.
Nach dem Schmuddelblogger fragt sie: damals Anlaß, aber nicht Grund für unsere Differenzen. Der Schmuddelblogger, Randnotiz in meinem Leben, Ruth aber, immer ein Teil davon. Und natürlich hatte sie recht, aber trotzdem mußte ich tun, was ich tun mußte. Alle Fehler sind notwenige Schritte auf dem Weg zu etwas richtigem.
Ich lege auf und bin ganz aufgekratzt, stöbere in alten Ordnern, in Erinnerungen. Ich gehe viel zu spät ins Bett und träume, ich könnte fliegen, lasse mich schwerelos von Luftströmungen tragen.
fragmente - am 2006-01-18 12:09 - Rubrik: Weihnachten!
Anreise 23.12., abends.
24.12. morgens: total gefetzt mit meiner Mutter.
Grund: Telefongespräch mit meiner Schwester. Schwester beklagt sich über ihren Job. Meine Mutter gibt ihr Ratschläge, anstatt ihr einfach zuzuhören. Sie macht also mit meiner Schwester genau das, was meine Schwester mit mir macht und was mich total auf die Palme bringt.
Ich sage das meiner Mutter, und auch, daß ich das nicht gut finde; darauf entgegnet meine Mutter, sie hätte sich lange genug ihren Töchtern gegenüber zurückgehalten und damit sei jetzt Schluß, jetzt sage sie ungeschminkt, was sie denke. Mein Argument, daß man Menschen nicht verändern könne, läßt sie nicht gelten. Ich weiß, was gleich kommt: Sippenhaft für meine Schwester und mich, d.h. meine Mutter ist eigentlich auf die Schwester sauer, aber ich werds mal wieder abbekommen.
"Ich geh dann mal raus!", sage ich, total sauer und kurz vor einem innerlichen Taxibestellen - ichfahrsofortwieder.
Draußen baut mein Vater gerade den Gartenzaun ab, weil bald ein Baum im Vorgarten gefällt werden soll. Er läßt mich mit der Flex angerostete Schrauben durchtrennen. Ich genieße, daß er mich lobt, niemand lobt mich so wie mein Vater. Er freut sich, daß er eine Tochter hat, die flexen kann.
Der Rest der Feiertage verläuft ohne weitere Streitigkeiten.
24.12. morgens: total gefetzt mit meiner Mutter.
Grund: Telefongespräch mit meiner Schwester. Schwester beklagt sich über ihren Job. Meine Mutter gibt ihr Ratschläge, anstatt ihr einfach zuzuhören. Sie macht also mit meiner Schwester genau das, was meine Schwester mit mir macht und was mich total auf die Palme bringt.
Ich sage das meiner Mutter, und auch, daß ich das nicht gut finde; darauf entgegnet meine Mutter, sie hätte sich lange genug ihren Töchtern gegenüber zurückgehalten und damit sei jetzt Schluß, jetzt sage sie ungeschminkt, was sie denke. Mein Argument, daß man Menschen nicht verändern könne, läßt sie nicht gelten. Ich weiß, was gleich kommt: Sippenhaft für meine Schwester und mich, d.h. meine Mutter ist eigentlich auf die Schwester sauer, aber ich werds mal wieder abbekommen.
"Ich geh dann mal raus!", sage ich, total sauer und kurz vor einem innerlichen Taxibestellen - ichfahrsofortwieder.
Draußen baut mein Vater gerade den Gartenzaun ab, weil bald ein Baum im Vorgarten gefällt werden soll. Er läßt mich mit der Flex angerostete Schrauben durchtrennen. Ich genieße, daß er mich lobt, niemand lobt mich so wie mein Vater. Er freut sich, daß er eine Tochter hat, die flexen kann.
Der Rest der Feiertage verläuft ohne weitere Streitigkeiten.
fragmente - am 2006-01-01 16:21 - Rubrik: Weihnachten!
Ein Drama in mehreren Akten.
1. Akt: September. Frau Fragmente glaubt, sie sei ganz besonders schlau. Die Eltern sind zu Besuch, das Weihnachtsthema wird angeschnitten und Frau F. verkündet, dieses Jahr Weihnachten nicht nach Hause zu kommen (dafür aber über Silverster).
2. Akt: September bis Oktober Frau Fragmente hat ein schlechtes Gewissen.
3. Akt: Ende Oktober Frau Fragmente trifft sich mit ihrer Schwester. Die Schwester regt an, ob die Eltern & Frau F. nicht zu Weihnachten in die schwesterliche Nähe kommen wollen, denn die Schwester könne nicht weg und so könnten wir "Weihnachten zusammen sein". (Die Schwester lebt im Osten, die Eltern leben im Süden, Frau F. lebt im Westen.) Frau F. ist entzückt und wirft sofort das Internet an, um nette Hotels/ Kurorte / Unesco Weltkulturerbe in schwesterlicher Nähe zu finden, wo die Familie Weihnachten verbringen könnte.
4. Akt: Mitte November. Frau F. besucht die Eltern, Schwester samt schwesterlichen Ehegatten sind auch da. Alle fünf plus schwesterlicher Hund sitzen im schwäbischen in einer ökologischer Landbau/ Demeter/ Vollwert/ Lesben-Gaststätte. (Es schmeckt vorzüglich). Das Thema "Weihnachten 2005" kommt auf den Tisch. Frau F. legt treuherzig einen Stapel ausgedruckter Weihnachtsarrangements auf den Tisch. Die Fürs und Widers werden diskutert. Meine Mutter ist schwer gereizt ob des Weihnachtsthemas. Als ich erwähne, daß sie (wie die meisten aus unserem Genpool) zu Weihnachten immer etwas schwermütig wird, streitet sie das heftig ab. Die ganze Sache läuft total schief, und ich verstehe mal wieder nicht, was los ist. Meine Schwester hat sich über meine Eltern in einer anderen Sache geärgert und macht sich darüber in unangemessener Weise (nämlich: Sarkasmus) Luft. Ich bin erst zweieinhalb Stunden wieder zuhause und möchte am liebsten sofort wieder gehen. Und wenn ich eines hasse, dann Konflikte, die beim Essen ausgetragen werden. Ich starre auf meine Spätzle. Ich bin wieder zwölf Jahre alt.
Abends bezieht mir meine Mutter mein Bett, ich nehme sie zur Seite und spreche nochmals "Weihnachten 2005" an. Die Mutter ist sauer, und unter ihrem Ärger verletzt, vielleicht wünscht sie sich manchmal eine andere Familie, andere Töchter. Ich wollte nie andere Eltern, auch nicht, als sie wieder mit dieser großen, alten Ungerechtigkeit kommt, die es gibt, seit es mich gibt: die Sippenhaft der Töchter, dieses Vermischen von Ärger auf meine Schwester und mich. Meine Mutter will Töchter, die freudig und freiwillig an Weihnachten nach Hause kommen. Sie will keine Tochter, die nach Hause kommt, um es ihr recht zu machen. Wir wissen aber beide, daß es irgendwie blöd wäre, wenn wir Weihnachten nicht gemeinsam verbringen würden. "Familie", sage ich, "Familie funktioniert nicht einfach so, da muß man auch mal was tun dafür". Damit sage ich nicht, was sie hören möchte. Ich will doch nur, daß es ihr gut geht, daß sie sich wohl fühlt, daß sie zufrieden ist mit mir als Tochter, denke ich trotzig.
Die Mutter läßt noch ein paar Spitzen los über Weihnachten 2004, das wir in einem edlen Hotel verbrachten. Leider mußte ich beim Weihnachtsbüffett beinahe heulen wegen der Schwierigkeiten, die meine Eltern und ich zu dieser Zeit miteinander hatten. "Und was das gekostet hat!", sagt sie, und meint, ich hätte es nicht zu schätzen gewußt.
5. Akt: wenig später Meine Schwester, ach, meine Schwester. Das große logistische Problem besteht darin, daß der schwesterliche Ehemann, seines Zeichens Workaholic, über Weihnachten kaum bis gar nicht frei bekommt, plus Kinder aus erster Ehe, plus seiner Eltern. Meine Schwester will Weihnachten mit unseren Eltern UND mit ihren Ehegatten feiern. Dies geht rein technisch in einer Welt ohne Beamen nur, wenn Opfer gebracht werden, aber meine Schwester will nicht diejenige sein, die Opfer bringt. Ich, ganz Opferlamm, bin zu allem bereit, aber meine Eltern haben die Schauze voll.
Meine Mutter schlägt "Weihnachten 2005" im Süden ohne die Schwester vor. Ich buche lieber noch keine Bahntickets. Es könnte noch der eine oder andere Akt folgen.
(Robert Smith wünscht sich immer love, peace and happiness zu Weihnachten.)
1. Akt: September. Frau Fragmente glaubt, sie sei ganz besonders schlau. Die Eltern sind zu Besuch, das Weihnachtsthema wird angeschnitten und Frau F. verkündet, dieses Jahr Weihnachten nicht nach Hause zu kommen (dafür aber über Silverster).
2. Akt: September bis Oktober Frau Fragmente hat ein schlechtes Gewissen.
3. Akt: Ende Oktober Frau Fragmente trifft sich mit ihrer Schwester. Die Schwester regt an, ob die Eltern & Frau F. nicht zu Weihnachten in die schwesterliche Nähe kommen wollen, denn die Schwester könne nicht weg und so könnten wir "Weihnachten zusammen sein". (Die Schwester lebt im Osten, die Eltern leben im Süden, Frau F. lebt im Westen.) Frau F. ist entzückt und wirft sofort das Internet an, um nette Hotels/ Kurorte / Unesco Weltkulturerbe in schwesterlicher Nähe zu finden, wo die Familie Weihnachten verbringen könnte.
4. Akt: Mitte November. Frau F. besucht die Eltern, Schwester samt schwesterlichen Ehegatten sind auch da. Alle fünf plus schwesterlicher Hund sitzen im schwäbischen in einer ökologischer Landbau/ Demeter/ Vollwert/ Lesben-Gaststätte. (Es schmeckt vorzüglich). Das Thema "Weihnachten 2005" kommt auf den Tisch. Frau F. legt treuherzig einen Stapel ausgedruckter Weihnachtsarrangements auf den Tisch. Die Fürs und Widers werden diskutert. Meine Mutter ist schwer gereizt ob des Weihnachtsthemas. Als ich erwähne, daß sie (wie die meisten aus unserem Genpool) zu Weihnachten immer etwas schwermütig wird, streitet sie das heftig ab. Die ganze Sache läuft total schief, und ich verstehe mal wieder nicht, was los ist. Meine Schwester hat sich über meine Eltern in einer anderen Sache geärgert und macht sich darüber in unangemessener Weise (nämlich: Sarkasmus) Luft. Ich bin erst zweieinhalb Stunden wieder zuhause und möchte am liebsten sofort wieder gehen. Und wenn ich eines hasse, dann Konflikte, die beim Essen ausgetragen werden. Ich starre auf meine Spätzle. Ich bin wieder zwölf Jahre alt.
Abends bezieht mir meine Mutter mein Bett, ich nehme sie zur Seite und spreche nochmals "Weihnachten 2005" an. Die Mutter ist sauer, und unter ihrem Ärger verletzt, vielleicht wünscht sie sich manchmal eine andere Familie, andere Töchter. Ich wollte nie andere Eltern, auch nicht, als sie wieder mit dieser großen, alten Ungerechtigkeit kommt, die es gibt, seit es mich gibt: die Sippenhaft der Töchter, dieses Vermischen von Ärger auf meine Schwester und mich. Meine Mutter will Töchter, die freudig und freiwillig an Weihnachten nach Hause kommen. Sie will keine Tochter, die nach Hause kommt, um es ihr recht zu machen. Wir wissen aber beide, daß es irgendwie blöd wäre, wenn wir Weihnachten nicht gemeinsam verbringen würden. "Familie", sage ich, "Familie funktioniert nicht einfach so, da muß man auch mal was tun dafür". Damit sage ich nicht, was sie hören möchte. Ich will doch nur, daß es ihr gut geht, daß sie sich wohl fühlt, daß sie zufrieden ist mit mir als Tochter, denke ich trotzig.
Die Mutter läßt noch ein paar Spitzen los über Weihnachten 2004, das wir in einem edlen Hotel verbrachten. Leider mußte ich beim Weihnachtsbüffett beinahe heulen wegen der Schwierigkeiten, die meine Eltern und ich zu dieser Zeit miteinander hatten. "Und was das gekostet hat!", sagt sie, und meint, ich hätte es nicht zu schätzen gewußt.
5. Akt: wenig später Meine Schwester, ach, meine Schwester. Das große logistische Problem besteht darin, daß der schwesterliche Ehemann, seines Zeichens Workaholic, über Weihnachten kaum bis gar nicht frei bekommt, plus Kinder aus erster Ehe, plus seiner Eltern. Meine Schwester will Weihnachten mit unseren Eltern UND mit ihren Ehegatten feiern. Dies geht rein technisch in einer Welt ohne Beamen nur, wenn Opfer gebracht werden, aber meine Schwester will nicht diejenige sein, die Opfer bringt. Ich, ganz Opferlamm, bin zu allem bereit, aber meine Eltern haben die Schauze voll.
Meine Mutter schlägt "Weihnachten 2005" im Süden ohne die Schwester vor. Ich buche lieber noch keine Bahntickets. Es könnte noch der eine oder andere Akt folgen.
(Robert Smith wünscht sich immer love, peace and happiness zu Weihnachten.)
fragmente - am 2005-11-23 16:23 - Rubrik: Weihnachten!
