Meine Mutter schneidet mir die Haare. Sie findet meine Frisur doof, "du siehst aus wie siebzehn", sagt sie. "Was ist daran schlimm?", frage ich, und erkläre, daß es sich um eine Nicht-Frisur handelt, ein Statement, die Haare lang und glatt, erwähne, daß ich hin und wieder dafür Komplimente bekomme. Meine Mutter zieht die Augenbraue hoch.
Wir einigen uns, daß wenigstens die ausgefransten Spitzen zu einer geraden Kante geschnitten werden könnten. Mit einer Papierschere steht sie hinter meinem Rücken im Bad; wir besprechen, wieviel sie abschneiden soll. Dann gibt es kein Zurück, und ich habe Angst, Angst, wie beim Zahnarzt oder vor einer Operation und finde mich selbst ein wenig doof.
Zehn Sekunden später ist meine Mutter fertig. Es ist wunderschön geworden, ganz gerade und ordentlich, nicht zu viel, nicht zu wenig.
Das Verhältnis zu meinen Eltern ist sehr viel besser geworden. Wir alle haben hart daran gearbeitet.
Als sie wieder fahren, bleibe ich dennoch mit einem komisches Gefühl zurück: als wäre ich noch nicht erwachsen genug.
Das also ist meine Aufgabe.
Wir einigen uns, daß wenigstens die ausgefransten Spitzen zu einer geraden Kante geschnitten werden könnten. Mit einer Papierschere steht sie hinter meinem Rücken im Bad; wir besprechen, wieviel sie abschneiden soll. Dann gibt es kein Zurück, und ich habe Angst, Angst, wie beim Zahnarzt oder vor einer Operation und finde mich selbst ein wenig doof.
Zehn Sekunden später ist meine Mutter fertig. Es ist wunderschön geworden, ganz gerade und ordentlich, nicht zu viel, nicht zu wenig.
Das Verhältnis zu meinen Eltern ist sehr viel besser geworden. Wir alle haben hart daran gearbeitet.
Als sie wieder fahren, bleibe ich dennoch mit einem komisches Gefühl zurück: als wäre ich noch nicht erwachsen genug.
Das also ist meine Aufgabe.
unkreativ.net meinte am 21. Sep, 20:56:
Lange glatte Haare... das mag ich gern :-D War übrigens heute auch beim Haareschneiden, aber bezahlte Dienstleistung. Und leider zum letzten Mal bei IHR.... der perfekten Hairstylistin, was meine Haarpracht angeht.... hochschwanger... doof sowas ;-)
Modeste meinte am 22. Sep, 10:27:
Sie, Frau Fragmente, haben doch großartige Haare. Aber Müttern kann man es einfach nicht recht machen - meine Mutter ruft mich in regelmäßigen Abständen an und versucht, mich zu coachen - ich bräuchte mehr Make-Up, mehr Klamotten, nicht immer diese klobigen Schuhe und mehr Selbstbewusstsein, dann würde mir Berlin zu Füßen liegen....Man fühlt sich immer schrecklich defizitär nach solchen Telephonaten.
Bandini antwortete am 22. Sep, 10:37:
Ich habe lange gebraucht bis ich selbst verstand: Auf diese unbeholfene Art sagen die Mütter ihren erwachsenen Söhnen und Töchtern: Ich liebe Dich. Sie wären ja so gerne für etwas gut, nur für was?
Jings meinte am 22. Sep, 17:59:
@bandini Eltern können als Ratgeber in besonderen Situationen durchaus auch für erwachsene Kinder noch interessant sein. Einfach aufgrund der größeren Lebenserfahrung. Retrospektiv wäre es manchmal besser gewesen, wenn ich auf den Rat meiner Mutter gehört hätte. Insbesondere wenn der Schaden größer war, als der Gewinn eigener Erfahrungen.
TheSource meinte am 22. Sep, 18:23:
Die Kante entlang
wirft es sich auf die Erde. Aufgaben. Weil nicht aufgeben. Die Kraft wohnt genau dort, wo die Angst kauert. Auf der Kante, der Schneide, der Türschwelle.[Die Einfachheit der Bilder in Ihrem Text ist bezaubernd;
man hört förmlich die Schere schneiden - auch innen entlang]
hoergen meinte am 23. Sep, 00:33:
Natürlich
haben Eltern gute Ratschläge, wenn sie es gut meinen. Während der Jugend sieht man das aber komplett anderst und nicht alles was die Eltern gut meinen ist auch immer als gut zu bewerten. Generell muss aber nicht alles gut Gemeinte auch gut sein. Es gehört wirklich eine Menge Einfühlungsvermögen, Interesse, Tolleranz und Härte dazu, den jugendlichen Ausnahmezustand von 13-25 zu begleiten. Um es mal so rum zu sagen: Nicht alle Eltern haben die Fähigkeit und den Willen dazu.
Und hinterher ist es immer einfacher zu sagen: hätte man bloß. Das gehört fast in die Kategorie: Früher war alles besser: Floskel. Schade.
