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Ich hatte mal einen Freund: Detlef. Wir hatten uns über unsere gemeinsame Begeisterung für einer Band kennengelernt und uns nach Monaten der Mail-Konversation unserer gegenseitigen Liebe versichert. Als er aus dem Zug stieg, wurde mir klar, daß das vielleicht ein bisschen übereilt war: er war klein, trug einen Rentnerparka und hatte einen Tick.
In der Zeit, die wir gemeinsam verbrachten, störte mich vor allem sein fehlender Mut, Neues zu entdecken. Ich wollte hinaus in die Welt, mich selbst in verschiedenen Rollen erproben; er wohnte noch bei seinen Eltern in seinem Jugendzimmer.
Ich beschloß, das beste aus der Situation zu machen: Erfahrungen zu sammeln, und das bedeutete - ficken. Leider hatte Detlef noch weniger Erfahrung als ich. Er konnte mit Kondomen nicht umgehen und hatte Schwierigkeiten, seine Erektion zu halten.
Es war also ein ziemliches Fiasko, das zu beenden mir oblag. Auch dabei gab es Schwierigkeiten: die eine war, daß Detlef aus unerfindlichen Gründen restlos und leidenschaftlich in mich verliebt war. Die andere Schwierigkeit war folgende: mir war damals schon bewußt, daß es für mich nicht leicht ist, einen Partner zu finden. Nun hatte ich einen. Er machte mich nicht glücklich, ich machte aber offensichtlich ihn glücklich. Bei den Männern, in die ich mich verliebt hatte, hatte ich keinen Erfolg gehabt. Waren sie außerhalb meiner Liga? War Detlef meine Liga? Wie würde ich es finden, wenn jemand, in den ich verliebt bin, so hart über mich urteilen würde wie ich über Detlef? Man muß doch auch mal Kompromisse machen.
Ich machte keine und beendete die Beziehung. Detlef hat sehr geweint. Ich fühlte mich deswegen ziemlich schlecht, aber irgendwie auch erleichtert. Danach war ich viele Jahre ohne Partner.

Zehn Jahre später habe ich wieder jemanden kennengelernt, der mich in vielen Punkten an Detlef erinnert. Auch er scheint Hals über Kopf in mich verliebt zu sein. Er fragt mich, was ich empfinde, und wünscht sich, ich würde so fühlen wie er.

Zehn Jahre später. Was habe ich gelernt, und was werde ich anders machen?
Wondergirl meinte am 4. Aug, 01:07:
Man verliebt sich meist doch eher erst einmal in die Möglichkeiten, als in den Menschen. Davon mal ab wird man nicht nur zum Detlef gemacht, sondern macht sich auch selbst dazu. Es liegt nicht nur bei Ihnen, was daraus wird. 
sammelmappe meinte am 4. Aug, 07:18:
Mir erscheint es die normalste Sache der Welt, dass sich mal der eine in den anderen verliebt und beim nächsten Mal der andere in den einen.

Gut, es gibt auch Sonnenscheine in die verliebt sich jede/jeder, aber auch die haben so ihre Geschichten von unglücklichen Beziehungen auf Lager.

Sich so gegenseitig zu verlieben ist eine Glücksache, die vom Himmel fällt. Darauf zu warten ist nicht die verkehrteste Art das Leben zu verbringen.
Es gibt Menschen, die in der von Ihnen beschriebenen Situation sagen, die Liebe käme noch, aber daran glaube ich nicht. Es kommt zwar manchmal auch vor, dass man sich lange nachdem man sich kennengelernt hat, in einander verliebt, aber sicher nicht dann, wenn man die Augen schon andauernd zublinzelt, weil man die Fehler - oder auch nur die eingebildeten Schwächen - an dem anderen nicht sehen will. 
kittykoma meinte am 4. Aug, 09:15:
geht es auch jenseits des romantischen prinzips? ist vorübergehende geistige umnebelung ein qualitätskriterium? ich bin bei der partnerwahl vorzugsweise nicht verliebt. denn ich lasse mir ungern von solchem emotionalen gewaber instinkt und verstand verkleistern.
mir scheint es eher ein "ich muß das fühlen, was andere auch beschreiben" - diese kollektive hysterie, die wir dann wie gefordert abliefern. liebe ist kein blitzkrieg.
jeder mensch fühlt anders. und noch jeder drückt es anders aus. ich kenne nicht wenige, die zu der emotionalen äußerung "verliebtheit" nur fähig sind, wenn sie innerlich ganz sicher sind, das objekt des begehrens nicht zu kriegen.
die fragen sind ganz andere. paßt der mensch? würde man seine ausgeqeutschte zahnpastatube mögen? hat er kein problem damit, daß ich auf dem klo zeitung lese? wie sieht seine innere landschaft aus? möchte ich sie entdecken? so was. prinzen wollen wir alle. gott sei dank bekommen wir sie nicht, denn sie entpuppen sich meistens als schwierig in aufzucht und haltung. 
Modeste meinte am 4. Aug, 10:08:
Ich habe eine Freundin, die nach zehn Jahren vergeblichen Versuchen in romantischer Liebe irgendwann einen Paradigmenwechsel vollzogen hat und sich mit einem Mann zusammengetan hat, der nicht dem Sunnyboy-Typ entspricht, auf den sie vorher abonniert war, aber klug, sensibel und angenehm auf eine zurückhaltende Weise ist. Nach ein paar Jahren haben die beiden geheiratet, und ab und zu habe ich mir gedacht, dass das auch ein gutes Modell ist für ein gutes Leben. Nun höre ich vor ein paar Wochen, dass sie eine Affäre hat, und der Liebhaber sei wieder ein Sunnyboy, blond, sportlich und beliebt.

Ich weiß nicht, ob man das verallgemeinern kann, aber vielleicht kann man letztlich nur mit gutem Willen seine Wünsche nicht verändern und tut gut daran, sich offen zu halten für die Liebe, wenn sie kommt. Wenn sie kommt. 
Blinkyman antwortete am 4. Aug, 23:12:
Was habe ich gelernt.....?
Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum.

Es kommt wie es kommt, es kommt wie es muss, und am wenigsten wie wir es planen. Die Zufälle sind zu unbestimmt, die Individuen zu vielfältig und wir im Grunde immer auf der Suche nach Neuem – meist unbewusst und meist ohne klare Ziele. Es scheint tatsächlich am leichtesten zu sein, die Stunde zu nützen, den Tag zu leben und möglichst keine Gedanken an die Zukunft zu verschwenden.

Ich gebe aber zu, beim Sprung über diesen Schatten selbst dauernd zu stolpern. Ja, ja, Theorie und Praxis zeigen sich am deutlichsten bei unseren Empfindungen und Sehnsüchten. Wäre es anders, dann gäbe es keine Freitode. 
wasserfrau meinte am 5. Aug, 13:03:
Die Frage
von Detlef dem zweiten: was Sie empfinden, ist doch gar nicht so schlecht...
Auf keinen Fall können Sie der gleiche Mensch noch sein wie vor zehn Jahren, ich bin manchmal nicht der gleiche wie am Vortag. Deswegen ist die Situation durchaus spannend... 
artemixx meinte am 7. Aug, 19:54:
Ich bin so vielen "Prinzen" begegnet, die zum Umfallen schön waren. Nachdem aber das ersehnte erste Gespräch zustande kam, wollte ich schreiend wegrennen, so dumm war das, was ich hörte. Umgekehrt kann mich ein Mann, der mich optisch total kalt lässt, völlig umhauen, wenn er mich in intelligenten Gesprächen und mit niveauvollem Humor großartig unterhält. Der wird für mich ganz schnell zum Prinzen. Was Sie mit Detlev beschreiben, lässt mich innerlich schaudern. Nicht der Rentnerparka, sondern das furchtsame Herz dieses Mannes und seine Umklammerungen unter Tränen. Das ist, was ich gelernt habe. Ja, was haben Sie gelernt? 
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