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„Die Bankentürme stehen ja noch!“ ruft Bernd Begemann empört. Wir lachen. Gerade eben habe ich noch in einem gearbeitet, jetzt stehe ich hier und lasse mich von ihm unterhalten. 2005 habe ich ihn das letzte Mal gesehen, die Clubs sind nicht größer geworden, alles wie immer, nur wir beide sind ein wenig abgekämpfter und ein bisschen dicker geworden. Er gibt sein bestes, und ich genieße es, die Musik in meinem Körper zu spüren. Die Frankfurter bleiben reserviert, die erste Reihe mit einem halben Meter Abstand von der Bühne, nur nicht zu nah, nur nicht zu begeistert. Die Männer wippen manchmal unauffällig mit, die rechte Hand fest um die Bierflasche geschlungen. Nicole und ihr Mann tanzen, und manchmal sogar ich, hingerissen von diesen Songs, von denen man nicht so recht weiß, ob sie Schlager sind oder Pop oder doch große Poesie.

Ich war schön, als niemand hinsah,
ich war brilliant, als es egal war
Kellner beim Fest, auf dem ich selbst
Nicht erwünscht war.


Nach dem Konzert will ich CDs von ihm kaufen; ich warte, bis sich der Ansturm gelegt hat und bin plötzlich beinahe allein mit ihm. Ich mache ein wenig Smalltalk, dass es mir sehr gefallen hat, dass das Publikum ja etwas schwierig war, dass ich ihn vor ein paar Jahren in Berlin gesehen habe..., und wie in Berlin bekomme ich keinen Kontakt mit ihm, bis sich plötzlich ein Schalter umlegt, ich verstehe nicht, wieso, aber er blickt mich an und ist ganz da. Was denn mein Lieblingssong sei, fragt er. Ich mag wir werden uns umsehen, sage ich, das hatte er an diesem Abend gespielt, aber meinen anderen Wunsch, ich nehme es zu schwer, den nicht. War vielleicht auch zu schwer, meine ich, melancholische Songs vor schwierigem Publikum, aber ich, ich mag eben das melancholische. Oh ja, ruft er, den Song hätte er eigentlich spielen wollen, aber dann vergessen – dann spielt er ihn eben jetzt. Jaja, denke ich, und bin ein wenig skeptisch, aber dann geht er nach hinten, schaltet die Hintergrundmusik ab, schnallt sich die orangefarbene Gretsch-Gitarre um, stöpselt sie ein und spielt, eine Armeslänge von mir entfernt, ganz langsam.

Dreht mich im Riesenrad,
auf und ab,
doch der Rummelplatz
bleibt für ich menschenleer

ich nehm’ es zu schwer.


Dann umarmt mich, drückt mir einen Kuß zwischen Wange und Nacken in mein Haar, und ich bin geflasht, berauscht, beglückt und dankbar. Will den Moment festhalten - die Musik soll niemals aufhören - und weiß doch, dass es dazugehört, dass es vergeht.

***

Bernd Begemann spielt am 13. März 2012 in Frankfurt.

Weitere Tourdaten.

Amazon.
morast meinte am 13. Mär, 08:18:
Ich mag Herrn Begemann irgendwie. Beispielsweise als Ohrensessel-Podcastmensch. Oder wenn er interviewt. Oder wenn er interviewt wird. Seine Musik hingegen hat mich nie erreichen können. Ich habe sie gekostet, so wie ich Oliven immer wieder koste, weil ich der Meinung bin, dass sie mir eigentlich schmecken müssten, doch blieb nie dabei. Beständen die Lieder nur aus Text, so wäre vielleicht alles anders.

Und doch mag ich Ihre Konzertbeschreibung, mochte auch die von 2005 und fühle in mir den Wunsch erwachen, einfach hinzugehen, es einfach auszuprobieren, die Musik wirken zu lassen, ohne dass sie in mir Wurzeln fand - und mich vielleicht zur Begeisterung überreden zu lassen.

Übermorgen vielleicht. 
fragmente antwortete am 13. Mär, 12:58:
Der Oliven-Vergleich ist in der Tat sehr passend: man muss Appetit haben auf diese Art von Musik. Und dann die ganze Schüssel leeressen.

Ich war letztes Jahr sehr spontan nach der Arbeit mit meiner Freundin Safran auf einem Konzert einer Band, die ich nicht kannte. Und war völlig überrascht, wie gut das getan hat, wie sehr schöne Musik die Stimmung hebt, Momente der Schwerelosigkeit ermöglicht. Deshalb habe ich mir vorgenommen: mehr Livemusik! 
morast antwortete am 20. Mär, 06:44:
Ich war leider nicht da, weil mich Kaputtität ins Bett schickte. Nichtsdestotrotz bezweifle ich nicht, dass der Tag kommen wird, an dem...

[Und "mehr Livemusik" ist ohnehin immer übersuper.] 
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