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Eine Schwester zu haben ist gar nicht so schlecht. Meine hat vor ein paar Monaten ihren Mann verlassen und ist jetzt mit einer Frau zusammen, welche kennenzulernen ich am Wochenende das Vergnügen hatte. Ich konnte die Freunde meiner Schwester noch nie leiden, das ändert sich leider auch nicht mit dem Geschlecht. Und wieso haben Lesben immer diese Kurzhaarschnitte? Muß sich meine Schwester jetzt auch die Haare abschneiden? Wäre ihr Wechsel zum anderen Ufer leichter für mich, wenn ihre neue Freundin wenigstens der abolute Hammer wäre? Jedenfalls würde es mich freuen, und es würde mir auch Hoffnung für mich selbst geben, wenn meine Schwester - die übrigens schöner und auf jeden Fall schlanker ist als ich - mal jemanden nach Hause bringen würde, bei dem/der ich denke: wow! Genau. Paßt wie die Faust aufs Auge. Ich möchte nämlich, daß meine Familie das denkt, wenn ich mal jemanden nach Hause bringe.
Immerhin: vor dem Hintergrund der Partnerschaften meiner Schwester (der eine mit dem fünfzigtausend Mark Schulden, der eine mit den Adiletten, der eine, der ihr Auto zu Schrott gefahren hat) hatten meine Eltern keinen Anlaß, mir meine Partnerlosigkeit vorzuwerfen. Auf die Frage, wie es mit meiner Arbeit läuft, konnte ich sagen: ich will ja nichts beschwören, aber ich glaube, ich bin dem Durchbruch nahe. Das ist übrigens noch nicht einmal gelogen. Auf mein Gewicht kamen wir nicht zu sprechen; ich habe auch viel Zeit damit verbracht, das Navigationsgerät meiner Mutter zu reparieren (Hotfix ausm Internet geladen, auf SD-Karte kopiert etc.). Und dann wars auch schon wieder vorbei.

***

So. Und jetzt mal im Ernst, ohne das schnippisch-zickige. Es war ein schönes Wochenende. Ich habe meinem Vater eine Uhr geschenkt: eine edle Uhr für einen Gentleman. Es hat mich gefreut, daß er sich gefreut hat, aber noch mehr hat es mich gefreut, diese Uhr an ihm zu sehen. Am Samstag haben wir einen Spaziergang gemacht: mein Vater, meine Schwester, der Hund meiner Schwester und ich (meine Mutter hat ein künstliches Hüftgelenk). Der Besuch all dieser Ecken meiner Kindheit: der Bach, in dem ich mit meinem Hund gebadet habe. Der Garten, aus dem ich mal Trauben geklaut habe (sie waren sauer). Der Sportplatz, die Wochenendgrundstücke, die Äcker und Weiden. Wie alles anders wird mit der Zeit, das hat mich ein wenig melancholisch gemacht. Aber ich weiß, es ist nicht zu vermeiden.
Die Katze, die uns im Jahr meines Schulabschlusses zugelaufen ist, die ich mit Hundefutter angefüttert und mit Streicheleinheiten zum Bleiben verführt habe - ich glaube, sie wird dieses Jahr sterben. Lag ganz matt und dünn im Kübel vom Gummibaum. Meine Tante hat Krebs. Die Ärzte können den Tumor nicht finden, gestreut hat er schon. Ich kann sie nicht anrufen, ich trau mich nicht. Mein Vater erzählt manchmal Dinge ohne Zusammenhang. Meine Schwester ist dünn geworden und hat gar keinen Hintern mehr in der Hose. Ich bin dick geworden und habe eine Speckfalte überm Hosenbund. Meine Mutter ist zickig und launisch, aber auch nicht mehr als die Jahre vorher. Intellektuell ist sie nach wie vor umwerfend: Stadionscheinwerfer, wo bei anderen nur ein Nachttischlämpchen brennt. Sie hat mir ein Kompliment gemacht für meinen Geist, das ging runter wie Öl.
Die Geschichten meines Vaters sind immer noch toll. Ich habe mir von ihm die Haare schneiden lassen (nur ein paar Zentimeter von dem halben Meter). Es war ein gutes Gefühl, ihm vertrauen zu können.

Eine Frage habe ich mitgenommen: ist es wirklich so, daß meine Eltern mich kritisieren, an mir herummäklen? Oder ist es vielleicht so, daß ich selbst mit manchem Punkten unzufrieden, unglücklich bin und daß meine Eltern nur ein Spiegelbild auf mich zurückwerfen?
Mehr im Einklang mit sich selbst zu sein ist die Lösung für viele Probleme. Es ist nur nicht so leicht zu bewerkstelligen.
flyhigher meinte am 27. Mrz, 09:05:
ich freu mich für dich, dass es ein schönes Wochenende geworden ist, und der letzte Absatz, den du geschrieben hast, der freut mich besonders. 
marie__ meinte am 27. Mrz, 11:26:
Es ist schön zu lesen, wie das Wochenende war. Lauter Augenblicke voller inniger Nähe, leiser Freude, gutmeinender Betrachtung. Liest sich versöhnlich. Auch die Fragen am Ende. 
blogger.de:kittykoma meinte am 27. Mrz, 12:47:
frau fragmente, das sind ja positive worte! ich habe mich bewußt nicht in die ratschläge eingereiht. kann das sein, daß da grade eine familie miteinander ihren frieden macht, die aus menschen besteht, die es brauchen, aneinander herumzunörgeln und die auch an sich selbst selten ein gutes haar lassen. vielleicht fällt der apfel nicht weit vom stamm: melancholisch, überkritisch, reizbar, sich spiegelnd und sehr intelligent. 
fragmente antwortete am 27. Mrz, 13:02:
@kitty: weise Worte, klug erkannt. Ich danke. 
engl meinte am 27. Mrz, 21:59:
als insiderin muß ich an dieser stelle einmal festhalten, daß kurze haare auf dem rückzug sind. zumindest halblang ist schwer im kommen. oder aber ganz lang. doch das geht eben nicht immer. meine z. b. werden niemals im leben so lang wie deine. und ich habs wirklich versucht. 
artemixx meinte am 27. Mrz, 22:08:
Worte finden
Liebe Frau Fragmente,
In der Nacht nach Ihren Zeilen zu dem besagten Wochenende las ich vor dem Einschlafen folgende Zeilen aus Pascal Mercier's "Nachtzug nach Lissabon":
"[...] Ich erzittere beim bloßen Gedanken an die ungeplante und unbekannte, doch unausweichliche und unaufhaltsame Wucht, mit der Eltern in ihren Kindern Spuren hinterlassen, die sich, wie Brandspuren, nie mehr werden tilgen lassen. Die Umrisse des elterlichen Wollens und Fürchtens schreiben sich mit glühendem Griffel in die Seelen der Kleinen, die voller Ohnmacht sind und voller Unwissen darüber, was mit ihnen geschieht. Wir brauchen ein Leben lang, um den eingebrannten Text zu finden und zu entziffern, und wir können nie sicher sein, dass wir ihn verstanden haben.[...]"

Und dann waren Sie weg in Ihrem Wochenende. Und ich drückte einfach mal die Daumen (kann ja nie schaden ;-) dafür, dass es ein schönes Wochenende würde, und dann las ich weiter:

"[...] Es war verrückt, dachte Gregorius: Da hatten die beiden Männer, Vater und Sohn, auf den gegenüberliegenden Hügeln der Stadt gewohnt wie Gegenspieler in einem antiken Drama, verbunden in archaischer Furcht voreinander und in einer Zuneigung, für die sie nicht die Worte fanden, und hatten sich Briefe geschrieben, die sie sich nicht abzuschicken trauten. Verschränkt in einer Stummheit, die sie aneinander nicht verstanden, und blind gegenüber der Tatsache, dass die eine Stummheit die andere hervorbrachte. [...]"

... es passte einfach so sehr. Und dass Ihre persönliche Geschichte meine gelesene streifte, machte mich mutig, das jetzt zu posten. "Worte finden" - darum bin ich wohl hier... 
dus meinte am 28. Mrz, 12:09:
nicht alle lesben haben kurzhaarschnitt. 
fragmente antwortete am 28. Mrz, 13:09:
Nicht alle meine Sätze sind ernst. 
dus antwortete am 28. Mrz, 13:50:
aber es erscheint mir offensichtlich, dass das du das outing deiner schwester nicht ganz verputz hast. so kam das bei mir an. 
fragmente antwortete am 28. Mrz, 14:16:
Wäre ihr Wechsel zum anderen Ufer leichter für mich, wenn ihre neue Freundin wenigstens der abolute Hammer wäre?
Da habe ich wohl sprachlich ungenau formuliert. Ich mag ihre neue Freundin nicht. Das hat aber nichts mit dem Geschlecht zu tun, sondern vielmehr damit, daß sie in meinen Augen meiner Schwester nicht ebenbürtig ist. Und selbst das mag sich noch verändern - schließlich war das nur der erste Eindruck.

Für homophob halte ich mich nicht. 
blogger.de:kittykoma antwortete am 28. Mrz, 18:06:
So richtig gönnen sie sich aber gegenseitig alle nichts. Schließlich muß/will Ihre Schwester mit der neuen Freundin glücklich werden nicht Sie, Frau Fragmente. Die Außenstehenden sehen immer zuerst, wenn etwas nicht stimmt bei einem Paar und wenn es nur die Augenhöhe ist. Es derjenigen wie auch immer mitzuteilen, das ist sinnlos und taktlos. Wo die Liebe hinfällt, weiß man spätestens nach der ersten Ohrfeige, dem Satz "es ist nicht so, wie du denkst" oder wenn einen die Bank daran erinnert, daß man mal eine Bürgschaft für seine Schulden unterschrieben hatte. Aber dafür ist man erwachsen und möchte auch so behandelt werden von der Verwandtschaft.
Welcher Resonanzraum für Nörgeleien würde sich in ihrer Familie auftun, wenn Sie nun endlich mit dem langersehnten Mann vor der Tür stehen. Ich wage es garnicht auszumalen... 
dus antwortete am 29. Mrz, 13:22:
hehe muss kichern wg der bürgschaft :) 
kid37 meinte am 28. Mrz, 15:23:
Ich glaube, der letzte Absatz ist fast der wichtigste. Das "Spiegelbild" trifft es sicher ganz gut, bei mir war das sicher so. Wie mit allen Lebensphasen merkt man den Fortschritt aber erst, wenn man bereits drin ist, behaupte ich mal.

Ach so: Das mit dem Haarschnitt stimmt. Daher auch dieses so berühmte wie berüchtige Quiz. Inhaltlich muß ich das allerdings total ablehnen, weil böse. 
dus antwortete am 29. Mrz, 13:23:
ich glaube man merkt den fortschritt erst in der reflektion. also im nachhinein.

wenn man auf einen berg geht und dann halt runterschaut, am gipfel oben. gerne auf den gardasee HRHR 
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