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glueckskeks

Um acht komme ich nach Hause, es war ein langer Tag. Kaum habe ich die Schuhe ausgezogen, klingelt es an meiner Wohnungstür. Es ist mein Nachbar Ali, 65.
Vor fast einem Jahr hat Ali mal im Flur an meinem Ohrläppchen gesaugt. Er hat ein kleines Alkoholproblem. Seitdem habe ich den Kontakt zu ihm ziemlich eingeschränkt. Manchmal, wenn die Tage länger waren, als es gut für mich ist, wenn ich auf meinem Sofa saß und froh war, endlich mal alleine zu sein, endlich mal niemanden, der etwas von mir wollte - an Tagen wie diesem habe ich ihm die Tür nicht einmal aufgemacht, sondern nur den Fernseher ein wenig leiser gestellt.
Ich bin gerne allein. Ich brauche Ruhe.

Heute öffne ich ihm die Tür. Vielleicht war es der Glückskeks, der mein Herz weich gemacht hat.
Vielleicht war es auch was anderes. Zum Beispiel, wie Ali immer im Hausflur steht und wartet, wenn es klingelt. Bei mir klingelt es auch, aber ich weiß, das ist niemanden, den ich erwarte. Es ist der Paketauslieferer oder der Werbeverteiler oder die Müllabfuhr.
Ich erwarte niemanden. Bei der GEZ bin ich angemeldet, meine Pakete werden zur Packstation geliefert. Ich habe keine Schulden. Für die Zeugen Jehovas bin ich uninteressant.
Ali wartet. Ali ruft hallo in den Hausflur. Aber es ist nur die Müllabfuhr oder jemand, der Prospekte einwirft. Ich weiß, daß Ali eine Tochter hat, erwachsen mittlerweile. Sie will keinen Kontakt zu ihm, obwohl sie sogar in derselben Stadt wohnt. Vielleicht ist sie es, auf die Ali wartet.
Als ich noch in Berlin wohnte, wartete ich manchmal auf diese Art auf Herrn Rounders. Erwartete beinahe, ihn beim Nachhausekommen auf den Stufen des Hauseinganges sitzen zu sehen. Konnte manchmal fast körperlich spüren, wie er da saß, wie ich ihn gleich sehen würde, wenn ich um die Ecke biege. Natürlich war das komplett unrealistisch, bescheuert gerade. Natürlich wußte ich, er würde nie da sein. Aber ich mochte die Vorstellung. Als ich umzog, nahm ich sie nicht mit, und heute warte ich auf niemanden mehr.

Ali klingelt an meiner Haustür, und obwohl ich müde bin und noch keine fünf Minuten zuhause, mache ich die Türe auf, gehe rüber in seine Wohnung und helfe ihm, sein Telefon mit dem Splitter zu verbinden. Danach trinke ich noch eine Tasse Tee und wir machen ein wenig small talk. Als ich wieder zurückkomme, ist es neun. Der Spruch aus dem Glückskeks, der jetzt an meinem Kühlschrank klebt, zwinkert mir zu.

[auch ein guter Spruch aus einem Glückskeks]
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