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Es sind sehr schöne Schuhe: Budapester mit feiner Schnürung und hohen Absätzen. Ich sehe sie zuerst an meiner Kollegin; frage, wo sie sie gekauft hat und ob es okay wäre, wenn ich mir dieselben kaufe. Ein paar Tage später komme ich am richtigen Geschäft vorbei: sie haben noch genau ein Paar, in exakt meiner Größe, das ich anprobiere. Sitzt wie angegossen. Fünfzig Prozent reduziert. Was für ein Glück!, denke ich und bin sehr heiter.

Freitagabend. Nichts läuft rund, das Büro hat Unwucht, ich komme erst um halb acht raus aus dem Bankenturm mit diesem unguten Gefühl nichts geschafft und niemandem helfen gekonnt zu haben. Müde bin ich, fahre ein paar Stationen mit der U-Bahn, wo jemand erbost in sein Mobiltelefon brüllt. Es braucht Kraft, sich abzugrenzen, die Menschen zu ertragen, und ich merke, dass mein Faß beinahe leer ist, und die Schöpfkelle am Boden entlang schrammt. Ich steige aus, wünschte, ich wäre schon zuhause, muss aber noch zum Supermarkt, den Gehweg durch die Nacht an der vielbefahrenen Straße entlang. Ich knicke mit dem rechten Fuß um, stolpere, versuche mich mit dem anderen Fuß aufzufangen, bleibe hängen und schlage der Länge nach hin, mit dem Gesicht dem Asphalt entgegen wie ein fallender Baumstamm. Ich fange mich mit den Händen ab, spüre den Aufprall trotzdem an meinen Brüsten, nicht überraschend und auch nur eingeschränkt witzig, schabe mit dem Kinn über die Gehwegplatten. Am meisten aber leidet meine Würde, so dass ich sofort wieder aufstehe, weitergehe, vollgepumpt mit Adrenalin, froh, dass keine offensichtlichen Zeugen gab.

All diese Schritte, die mich an diesen Punkt geführt haben, an den Ort, an dem ich gefallen bin. Ich kann es nicht verstehen, kann nicht verstehen, wie ich dort hingekommen bin. Und doch war ich es, die diesen Weg gegangen ist, Schritt für Schritt.

***

Viele Metaphern kann man spinnen aus diesem Fall. Die Freundinnen, denen ich davon erzählt haben, fragten als erstes: hast du dich verletzt? Nein, habe ich nicht, kein Riss in der Hose, das Kinn ein wenig rot, aber kein Blut, die lederbehandschuhten Hände sind auch okay, ebenso die Brüste, vielen Dank. „Dein Leben!“, meint die beste Freundin, andere hätten ins Krankenhaus gemusst. „Du bist ja sofort wieder aufgestanden“, sagt eine weitere, das hört man von einer Freundin lieber als von einem Blogkommentator, der schreibt: „wieder aufstehen ist das allerwichtigste im Leben [mehrere Ausrufezeichen]“. Die hohen Absätze als Symbol für Hybris, oder das scheinbare Glück, das sich als Unglück entpuppt. Märchenmotive.

Als ich jünger war, da war es mir wichtig, das Leben zu beschreiben, festzuhalten. Den roten Faden finden, und Pointen – immer diese Suche nach Pointen. Jetzt denke ich: Dinge passieren, das Leben geht weiter.

Als ich jünger war, da hatte ich nicht immer recht. Die Metaphern, die ich spann, waren oft mehr Poesie als Wahrheit. Ich habe mit beiden Händen nach dem Leben gegriffen. Jetzt zieht es an mir vorbei, und meine Hände bleiben leer.

Ich träume, dass ich zum Gericht gehe, nicht ängstlich, nur neugierig und interessiert: die Wohnungsbaugesellschaft IGW, bei der auch ich einen Mietvertrag habe, wird wegen falscher Nebenkostenabrechnungen verklagt, und das will ich mir ansehen.
Wie das in Träumen so ist, kann ich den richtigen Verhandlungssaal nicht finden, laufe ratlos durch das Gebäude, bis sich eine Mitarbeiterin mir annimmt: ihre Kollegin sei etwas nachlässig mit den Aushängen, sie müsse selbst erstmal schauen, in welchen Raum das ist. Sie bringt mich in einen Warteraum und schreitet davon.
Der Warteraum ist behördlich und voll von Menschen im Transit. Ich setze mich. Ein Mann begrüßt mich freundlich. Er ist langhaarig und ein wenig hager, so gar nicht mein Typ, doch etwas klickt zwischen ihm und mir. Seine Freunde sind auch da, sie kennen ihn als einen, der manchmal was riskiert. Manchmal klappts, und manchmal nicht, so daß er liebenswerter Durchschnitt bleibt. Heute aber, heute hat er Rückenwind, und bevor mans sich versieht, sind wir verliebt. Er streichelt meine Hände, liebkost und hält sie. Ich trage einen schwarzen Rock, so wie ich einen hatte, als ich jung war, und ich bin schön, so schön, wie ich eben war.
Es ist ein schönes Gefühl, das Verliebtsein, warm und hell und federleicht. Es trägt mich auch im Wachen durch den Tag, und überrascht mich - daß ich trotz meiner Bitterkeit zu solch hoffnungsvolle, optimistischen Träumen fähig bin.

Ich stehe an der Kasse, nehme beiläufig aus den Augenwinkeln einen Mann wahr, der sich hinter mir anstellt. Er seufzt tief, das ist so einer, dem alles zu viel ist, das Einkaufen, das Leben, und jetzt auch noch so eine lange Schlange. Seine Atemwolke trifft mich wie eine kompakte Masse in meinem Nacken, die Haare hochgesteckt. Mich schaudert.

Ich sitze am Schreibtisch, er steht hinter mir. Ich blättere in Dokumenten, er versucht zu erklären und deutet dabei auf bestimmte Textteile. Dabei berühren seine großen Hände ein paar Mal die meinen, aus Versehen. Sie fühlen sich kalt an und glatt, auf eine angenehme, marmorne Weise. Ich schaudere.

Berührungen, die bleiben, und doch unterschiedlicher nicht sein könnten.

„Eine Art, es zu betrachten, ist, dass Sie sterben in der Welt. Eine andere ist, dass nicht nur Sie in der Welt sterben, sondern auch all jene Welten, die in Ihnen geboren wurden, als Sie geboren wurden, in Ihnen sterben, wenn Sie sterben“, meint mein Coach, und Buddha lächelt uns an.

Diese Momente, erzähle ich, in denen alles ganz großartig ist, das Leben wunderbar, die Krispheit der Tage, Wind auf der Haut, das tock tock tock der Schritte. Wie mich dann eine große Freude ergreift, am Leben zu sein, eine Lebenslust, eine Lust am Leben, aber auch eine Nachdenklichkeit - keine Angst vor dem Tod, nein. Wenn man tot ist, dann ist man tot. Aber wie es wohl ist, wenn man weiß, dass sich diese Momente dem Ende zuneigen? Wenn man in die Tüte schaut und es sind nur noch ein paar Krümel drin?

„Wenn du dir alte Menschen anschaust“, meint er, „dann wirst du sehen, dass sie meist erledigt haben, was ihnen wichtig war, und das macht es einfach für sie, Abschied zu nehmen.“

„Inbox Zero?“, scherze ich, und nicke dann, weil ich verstehe: ich bin noch nicht fertig.

Nach achteinhalb Stunden Schlaf auf dem Bettrand sitzend der erste Kaffee, das schöne Parkett unter den frisch pedikürten Zehen, die Wohnung angenehm beheizt. Der iPod spielt melancholische Lieder.

Warum bist du nicht glücklich?

Weil ich vieles habe, aber nicht alles haben kann.

Ich bin glücklich. Nur eben nicht jetzt.

Meist muss man kräftig paddeln
um oben zu bleiben.

Manchmal geht man
beinahe unter.

Doch gelegentlich
trägt es einen.

Diese Leere. Inbox Zero. Die Wohnung tiptop. Vorgekocht, getuppert, eingefroren. Erwägungen, den Telefon- und Internetprovider zu wechseln, dann ist man wieder drei Monate beschäftigt, kann sich aufregen und die Kollegen in der Mittagspause mit guten Geschichten unterhalten.

Im Oktober Urlaub. Die beste Freundin sehen, Leute im Ruhrgebiet treffen, Party bei Stijlroyal, meinen Geburtstag mit meinen Eltern feiern und dazwischen noch ein Date. Vielleicht noch ein paar Tage wegfahren, aber ich wüßte nicht, wohin, es brennt keine Sehnsucht in mir, es zieht mich nirgendwohin.

Es ist wohl keine Leere, sondern eine Sättigung, alle Bedürfnisse gedeckt, ein paar Lustmomente und Zerstreuungen als Zuckerstreusel obendrauf. Das ist ein Glück, irgendwie, aber Glück ist gar nicht so wichtig. Sinn ist, worauf es ankommt.

Ich gehe einen langen, schmalen, von Neonlicht beleuchteten Gang entlang. Abwärts, gelegentlich Treppenstufen. Neben mir läuft eine Freundin, mit der ich mich beiläufig unterhalte. Wir kommen an einem Mann vorbei, der vor einer verschlossenen Tür wartet. Wir gehen weiter.

Ich laufe denselben Gang entlang, die Freundin neben mir, mit der ich mich beiläufig unterhalte. Wir kommen an einem Mann vorbei, der vor einer verschlossenen Tür wartet. Er erinnert mich an Robert Smith, Lord Byron und die Traumnovelle. Wir gehen weiter.

Ich laufe wieder denselben Gang entlang, die Freundin neben mir, mit der ich mich beiläufig unterhalte. Wir kommen an diesem Mann vorbei, der still und betrübt vor der verschlossenen Tür einer Dominatrix wartet, dass sie ihn empfangen möge. Wir gehen weiter.

Ich laufe wiederum denselben Gang entlang, die Freundin neben mir, mit der ich mich beiläufig unterhalte. Wir kommen an dem Mann vorbei, der vor der verschlossenen Tür wartet. Wir gehen weiter. Dann bleibe ich stehen, drehe mich um und gehe zu ihm zurück. „Das darfst du nicht!“, ruft die Freundin entsetzt. Ich spüre, wie ich mich entgegen einer Strömung bewege, doch ich bin mir sicher, bin entschlossen und unantastbar. „Du gehörst jetzt zu mir“, sage ich zu ihm, und schließe ihn in die Arme.

Was tun, damit die Begierde erlischt? Manche haben zu wenig, ich habe derzeit zu viel, tauschen können wir nicht. Es ist ein interessante Hypothese, dass man nur oft genug masturbieren müsse, leider ist sie falsch. Sicher, es macht die Spitzen der Begierde stumpf, die sich in einen bohren, rundet die Kanten ab von dem, was einen innerlich zerreibt. Am Ende aber ist es ganz egal, wie oft man zuckend und hyperventilierend kommt. Man bleibt allein mit sich, ohne den, den man neben sich, in sich wünscht, und wenn die Nervenenden nicht mehr können, bleibt da doch noch etwas anderes in einem, das flirrend und flügelschlagend im Brustkorb zittert.

Mindgames vielleicht. Bruchrechnen, Primzahlen, Balkonkacheln zählen. 5 Dinge, die man sieht, 4 Farben, 3 Gefühle, 2 Geräusche, 1 Geruch. Die Gedanken verteiben, das Kreiseln einstellen. Am ehesten hilft noch Text: Worte, die durch einen hindurchfließen, von einem anderen Leben erzählen, unvereinbar mit dem eigenen. Die Phantasien überschreiben lassen, in fremde Realitäten eintauchen und am Ende in der eigenen aufwachen - verwundert, aber nicht ablehnend und irgendwie vertraut.

Auf das Blut hoffen, das kommt und einen reinwäscht, ein Gleichgewicht im chemischen Wirrwarr wiederherstellt, sich einreden, das wäre alles nur wegen des Oxytocins. Auch nur ein x von einem Gift entfernt.
Die Krämpfe, die Demut lehren, und der Erinnerung dienen: Memento Mori. Der Mond soll heute blutrot sein, der Mond zieht seine Bahnen, beginnt und endet, so wie ein Kreis ein Anfang und ein Ende hat, und auch ich kann vielleicht neu anfangen, und es besser machen.

Jetzt schon mehr als ein Jahr im neuen Job. Am Anfang bin ich oft mit anderen zusammengestoßen, wortwörtlich. Hier haben sie die Etikette zutiefst verinnerlicht: die Dame hat immer den Vortritt, und der Mann hält ihr die Tür auf. Ich habe einmal unserem Europachef die Tür aufgehalten, da ist er beinahe wütend geworden, und ich habe verstanden; habe gelernt, mir den Vortritt gewähren zu lassen. Ich gehe nun zügig und zielstrebig auf die Tür zu, koordiniere meine Schritte mit dem Mann, der mir im Gang begegnet, so dass daraus ein müheloser, leichter Tanz geworden ist.

Übellaunig. Wegen eines kaputten Fensterhebers und daraus resultierendem halboffenen Autofensters muss ich in die Werkstatt, und zwar sofort, Montag morgens, kein prokrastinieren möglich. Es würde mehr Spaß machen, 250 Euro einfach so auf dem Balkon zu verbrennen, und ich hätte nicht so früh aufstehen müssen; aber so sitze ich einem fünfzigjährigen Automechaniker gegenüber, der mit glazialer Geschwindigkeit Daten von meinem Fahrzeugschein in den Computer tippt.

Mit der Tram zur Arbeit. An einer Haltestelle steigt Crush ein. Ich bin verblüfft, und schaue lange hin, um die Unterschiede zu finden: er ist genauso groß, die Haare struppig und wild, die Attitüde missmutig – so ein versiffter Student eben. Es ist mir unverständlich, warum ich ausgerechnet darauf anspringe, aber ich tue es. Er ist fülliger, die Augenbrauen gerader, aber erst an den Winkeln seines Gesichtes erkenne ich, dass es nicht der originale Crush ist, sondern jemand, der dieselbe Essenz teilt. Ich wünschte, es gäbe einen Props-Daumen, einen Like-Button, einen Fave-Stern.

Manchmal fürchte ich mich davor, an meinem letzten Tag vor Gott zu stehen, der mit den Augen rollt und mich fragt, warum ich ihn nicht gefunden habe. Der, der für mich bestimmt ist, und ich für ihn. Warum ich ihn nicht gefunden habe, trotz diesem eingebauten Magnet, warum ich Gelegenheiten habe verstreichen lassen, verpasst habe. Und wie der arme Mann, weil er mich nicht gefunden hat, sich quälen musste mit Frauen, die nicht mit ihm schlafen wollten, die ihn genervt haben oder gelangweilt.
Aber womöglich gibt es keinen Gott, und wir sind nur flüssigkeitsgefüllte Fleischsäcke beherrscht von Hirnströmen, die zuckend verlöschen, wenn wir dieses Leben aufgebraucht haben.

Ein Satz geistert durch mich, zu lange schon, zu oft. Ich habe mein Leben gegen die Wand gefahren. Er stimmt nicht, dieser Satz, und reißt mich doch immer wieder in eine große Traurigkeit. Die Stimme in mir, die ihn spricht, ist die jener eins komma null Abiturientin mit ihren Träumen von Cold Spring Harbor und Emmy Noether. Groß wollte ich sein, groß träumen soll man auch, geworden ist daraus nichts. Dieses Leben habe ich gegen die Wand gefahren (saß ich überhaupt am Steuer?), aus der einspurigen Carrera-Bahn hat es mich herausgeworfen. Diese Möglichkeiten stehen mir nicht mehr offen, sondern andere. Wenn ich weinen würde um alles, was ich verloren habe, ich würde kein Ende finden. Es würde mir auch nichts nützen. Es wird Zeit, den Blick vom Rückspiegel zu lösen. Es ist nicht mehr alles möglich, aber noch vieles, und wartet darauf, von mir getan zu werden.

Disintegration by Snow & Voices

Man braucht die Liebe besonders in Zeiten wie diesen:

wenn man sich dünnhäutig fühlt,
müde, stumpf, fremd,
unsichtbar.

Indes,
jene, die glänzen, lachen
gewinnen und sich ihrer sicher sind,

sie sind so viel anziehender und so viel leichter zu lieben.

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